Der Vorlesewettbewerb

WP vom 18.12.2019 von Jürgen Overkott, Foto Sven Paul
Die internationale Pisa-Studie stellt dem deutschen Schulwesen insgesamt eine gute Note aus. Zugleich stellt sie fest, dass sich ein guter Teil der Schüler mit Lesen und Schreiben schwer tut. Welche Erfahrungen hat Realschulrektorin Nina Fröhling vor Ort gemacht?

„Ich sehe immer die Ergebnisse der Lernstandserhebungen und die Ergebnisse der zentralen Prüfungen“, sagte die Rektorin, „und wir schneiden immer über dem Durchschnitt ab.“ Sie macht daraus keinen Werbeblock für ihre Schule. Vielmehr sieht Nina Fröhling ihr Bildungsinstitut umgeben von einem guten Umfeld: „Wir haben ein sehr gutes Einzugsgebiet. Wir sind Standort-Typ 1. Die Kinder haben beste Voraussetzungen, gut zu lernen. Sie haben gute Elternhäuser . Sie legen Wert auf Bildung, sie kaufen ihren Kindern Bücher.“
Lesen und Schreiben sind eng miteinander verbunden. Die meisten Eltern in Balve legen nach Beobachtung von Nina Fröhling Wert auf beides: „Ich erlebe das bei den Anmeldungen. Eltern kritisieren oft die Art und Weise, wie Schreiben in den Grundschulen vermittelt wird. Und das ist für mich ein Zeichen, dass den Eltern korrektes Schreiben wichtig ist.“ Die Realschule nimmt die Kritik von Eltern ernst: „Deswegen geben wir in der Stufe fünf eine Stunde Rechtschreibung extra.“ Korrekte Rechtschreibung sei Grundlage, sich korrekt ausdrücken zu können, sagt Nina Fröhling.
Das Lesen fängt für die Pädagogin bereits im Vorschulalter an – wenn Eltern ihren Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. „Wenn das flach fällt, ist das ein Zeichen dafür, dass Eltern für ihre Kinder keine Zeit mehr haben“, weiß Nina Fröhling. Als einen von mehreren Gründen sieht sie den Zwang in mancher Familien zur Doppelberufstätigkeit.
Was unternimmt die Realschule, um Kinder aus bildungsfernen Schichten zum Lesen zu bringen? „Das ist gar nicht so schwer“, entgegnet Nina Fröhling, „alle Kinder lesen gerne. Für uns ist es wichtig, die Leselust zu erhalten oder – in manchen Fällen – die Leselust zu wecken.“

Fehler-Lesen motiviert Kinder

Das Lese-Training beschränkt sich in der Realschule keineswegs nur auf den Deutsch-Unterricht: „Lesen wird in jedem Unterrichtsfach geübt.“ Selbst in Mathe müsse gelesen werden – bei Textaufgaben.
In Klasse sechs nehmen alle Mädchen und Jungen am Vorlesewettbewerb teil. Nina Fröhling: „Kinder lesen total gerne vor.“ Der Vorlauf des Wettbewerbs: „Die Kinder dürfen sich die Bücher aussuchen. Sie können zur Bücherei gehen, entweder zur Schul- oder zur Stadtbücherei. Dann erhalten die Kinder einen Auftrag zum Buch: Sie sollen eine Leserolle herstellen. Aufgaben werden abgearbeitet, die Blätter aneinander geklebt und anschließend gerollt. Das ersetzt eine Klassenarbeit.“
Eine große Motivationshilfe ist Fehler-Lesen. Dabei darf jedes Kind lesen, bis es einen Fehler macht. „Die Kinder wollen so lange lesen, wie es irgend geht“, sagt Nina Fröhling.
Zudem beteiligt sich die Schule am sogenannten Antolin-Projekt, bei dem es um sinnentnehmendes Lesen geht. Dabei lernen die Schüler, mit herkömmlichen wie digitalen Medien umzugehen.
Die Realschule hat sich an der Pisa-Studie beteiligt. Nina Fröhling bedauert, dass die Teilnehmer keine Einzelergebnisse erhalten.

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