Balve. Schule im Zeitalter der Digitalisierung – wie sieht das aus?

Welche Herausforderungen gibt es für Schüler, Eltern, Lehrer? Fragen an Realschulleiterin Nina Fröhling.

WP vom 06.08.2018 von Jürgen Overkott

Thomas Gottschalk hat als Lehrer angefangen, bevor er Entertainer wurde, und er hat einmal erzählt, ein guter Lehrer müsse auch Entertainer sein. Wie sehen Sie das?

Nina Fröhling: Genau so. Die Kinder lernen über Interesse, und die Kinder lernen über die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Man muss an der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler arbeiten. Wenn der Unterricht langweilig wird, interessiert man sich nicht mehr dafür. Es gibt einen Fachbegriff dafür, der im Kern bedeutet: Man muss den Unterricht emotionalisieren. Wenn es also im Unterricht einen spannenden Fall gibt, der zu lösen ist, dann gibt es einen Spannungsbogen von Anfang bis Ende. Der Einstieg ist besonders wichtig. Da muss man die Spannung aufbauen. Ein Experiment kann ein guter Einstieg sein, eine Fragestellung, ein Bild. Man muss auch mit seiner Stimme etwas machen. Wenn all das gelingt, ist der Unterricht gut.

Das Fernsehen hat sich das Thema Wissen zu eigen gemacht. Denken wir an „Wissen macht Ah!“. Lassen Sie sich davon inspirieren?

Das Fernsehen hat für uns eine immer geringere Bedeutung, ganz einfach deswegen, weil Kinder es immer weniger nutzen. Was wir schon machen: Wir greifen auf Filme zurück, die wir uns als Schule kostenlos aus dem Mediencenter borgen können. Noch interessanter für uns ist YouTube. Da gibt es beispielsweise Mathematiker, die über Formeln rappen oder Dinge viel einfacher erklären, als es Lehrer können.

Nun ist ja das Internet eine zwiespältige Erfindung. Ich erlebe, dass die Aufmerksamkeitsspanne von manchen Leuten nur noch von zwölf bis Mittag reicht. Was erleben Sie?

Das erleben wir nicht so

Das ist eine gute Nachricht.

(lacht)Wir haben ein Handy-Verbot an unserer Schule. Das heißt: Die Schüler dürfen es nur in der Pause benutzen – sonst nicht. Aber: Aufmerksamkeit erregen und halten ist in vieler Hinsicht auch Sache des Lehrers. Wenn Kinder bei mir schlafen, sollte ich meinen Unterricht überdenken. In der Pubertät ist das noch etwas anders. Man spricht ja inzwischen von einer Pubertätsdemenz, weil Kinder mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt sind.

Schön, dass Sie für Ihre Berufsgruppe Verantwortung übernehmen und das Netz nicht verteufeln. Drehen wir’s um: Nutzen Sie Computer und Smartphones auch im Unterricht?

Ja! Wir erlauben die Handy-Nutzung, wenn es sinnvoll ist. Wir haben im ganzen Schulgebäude WLAN. Man kann das Handy dafür verwenden, etwas zu recherchieren. Man kann das Gerät auch als Abstimmungsgerät verwenden. Wir benutzen momentan digitale Tafeln, White Boards. Da haben wir nach den Sommerferien 16 Stück. Da sind alle Klassenräume besetzt. Wir arbeiten also auch mit digitalen Medien. Die Schüler haben auch die Möglichkeit, sich eine Vertretungsplan-App auf ihr Handy zu laden. Außerdem arbeiten wir auch mit digitalen Büchern. Die Kinder haben die Möglichkeit, in Mathe, Englisch, Deutsch digitale Schulbücher auf ihr Tablet zu laden. Zuhause können sie dann auch mit den Schulbüchern arbeiten. Vorteil: Die Schultasche wird leichter. Wir finden es auch ganz wichtig, dass wir bei der Lebenswelt der Kinder sind.

Tatsächlich gibt es im Internet auch eine böse Seite. Welche Rolle spielt Medienkompetenz?

Das ist ganz wichtig für uns. Ich arbeite gerade daran, alles umzustellen auf Digitalisierung. Es gibt einen sogenannten Medienkompetenzrahmen. Er gibt Orientierung, er sagt, was wir im Unterricht verwenden können. Medienkompetenz soll jetzt in alle Kernlernpläne einfließen. Darauf bauen wir unsere schulinternen Lernpläne auf.

Von der neuen Technologie zur alten. Wie sieht’s mit Büchern aus?

Die haben wir auch noch (lacht). Auch wenn wir demnächst iPads erhalten, wir werden weiter Schulbücher haben. Man muss sie einfach mal in der Hand halten. Manchmal funktioniert ein Tablet nicht, und dann ist es gut, ein Buch zu haben.

Wie sieht’s denn mit Literatur aus? Das bedeutet ja, auf die lange Strecke zu gehen.

Genau das ist schwierig. Die Kinder haben gelernt, nur noch ganz kurze Sätze wahrzunehmen. In den Chats gibt es ja oft nur noch Satzbrocken. Andererseits muss ich sagen: Dass Kinder nicht mehr so gut lesen können, liegt auch an den Eltern. Den Kindern wird kaum noch vorgelesen. Aber: Die Zeiten haben sich geändert. Oft arbeiten beide Eltern. Oder viele alleinerziehende Mütter haben eine Doppelverantwortung.

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